Was für ein Vater ich sein will

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Zuerst ein paar Zahlen, ich habe gerechnet: In dem, was ich meinen Freundes- und Familienkreis nenne, gibt es 24 Mütter zwischen 21 und 45 Jahren (über mir liegende Generationen und Mütter von Freunden nicht eingerechnet). Ganz ehrlich gesagt, kenne ich das genaue Alter der Frauen und Kinder nicht bei allen, aber für die Statistik macht es keinen Unterschied…

Die durchschnittliche Freundes- und Familienkreis-Mutter ist 35,6 Jahre alt, hat 1,4 Kinder im Alter von durchschnittlich 4,7 Jahren. Sie brachte mit 30,9 Jahren ihr erstes Kind zur Welt.

Spannend ist übrigens, dass die am häufigsten (sechsmal) auftretende Mutter-Alter-Kinder-Anzahl-Kombination die folgende ist: 37 Jahre, zwei Kinder. Interessanterweise gibt es noch mehr Übereinstimmungen zwischen diesen sechs Müttern, die sind aber egal…

Bereinigt um Ausreißer (älteste Mutter, jüngste Mutter, Mutter mit den ältesten Kindern) ist die durchschnittliche Mama immerhin 35,2 Jahre alt, hat 1,4 Kinder im Alter von 4,5 Jahren, ist also mit 30,7 Jahren Mutter geworden.

Mehr Zahlenwerk? Die Frau, die bei Geburt des ersten Kindes am jüngsten war, war gerade 19. Die „älteste“ Frau war 39.

Meine Frau ist heute exakt 31,347 Jahre alt. Und nicht schwanger. So der Stand heute Morgen, als wir uns zum letzten Mal sahen. Das wird also nix mehr mit der Erfüllung der Statistik. Wir weichen schon jetzt vom arithmetischen Mittel ab. Ein Pedant würde jetzt platzen…

 

Warum das Thema?

Diverse Ereignisse und Gespräche brachten mich in der jüngeren Vergangenheit dazu, mich – abseits einer akuten Planung, soviel sei gesagt – mit dem Thema auseinander zu setzen. Eigentlich fing alles an mit einem Lied von K.I.Z., Käfigbett, dass ich nachts beim Zappen im Fernsehen hörte, ich glaube es war ein Bericht übers Hurricane-Festival. Ich fragte mich ‚Alter, was mussich für eine Kindheit gehabt haben, so einen Text zu rappen‘. „Kranker Scheiß“ triffts irgendwie…

Und es ist ja auch nicht so, dass die Freundeskreis-Kinder so ganz spurlos an mir vorbei gehen. Je nach Ballung, Tageszeit und dem eigenen Vorabendprogramm empfinde ich sie als Bereicherung oder eben auch als Herausforderung. So ehrlich möchte ich dann doch schon sein.

Jedenfalls ergab es sich oftmals, dass ich mit den Eltern (Männern wie Frauen) ins Gespräch kam über deren eigene Kindheit (oder dass ich es auch einfach wusste). Und je nach persönlichem Empfinden, Erfahrungen und Plänen gehen alle Eltern anders mit ihren Kindern um, was ich wiederum mit großem Interesse verfolge. Alle haben ihre individuellen Stärken, manchmal auch Schwächen. Das meine ich nicht anmaßend, sondern rein aus meiner Perspektive. Die muss überhaupt nicht richtig sein.

Ihr alle macht das großartig! Wäre ich ein Kind, wäre es für mich durchaus vorstellbar, ein Kind von euch zu sein (obwohl dieser Gedanke zugegebenermaßen ein wenig creepy ist). Aber so rein vom Wohlfühl-Aspekt.

Die ganzen Unterhaltungen, dieses ganze Zwischen-den-Zeilen-Lesen, die Diskussionen, die Fragen, die Whatsapp-Dialoge, Telefonate und Beobachtungen brachten mich zu zwei Dingen: Ich habe meine eigene Kindheit reflektiert. Und ich habe mir die Frage gestellt, was für eine Art Vater ich denn mal gern sein möchte. Irgendwann in der Zukunft.

Und das, was ich bei Freunden und Bekannten beobachte, gepaart mit meinen eigenen Erfahrungen, wird wohl relativ massiv darauf Einfluss haben, wie das mal wird bei mir. Soweit erstmal keine Neuigkeit… So funktionieren die Dinge ja meistens.

 

Ja was denn nu?

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Wenn es mir gelingen sollte, ein ruhiger, besonnener und gelassener Vater zu sein, ist das für den Anfang viel Wert. Wer mich kennt, der weiß, dass Ruhe und Besonnenheit nicht unbedingt meine Stärken sind. Ich wäre gern so eine Art kreativer Spaßvogel, der fesselnde Geschichten erzählt, Zusammenhänge erklärt, den besten Kartoffelbrei der Welt kocht.

Ich möchte gern die Erfahrungen benutzen, die andere Eltern gemacht haben, ich möchte euch also zuhören. Aber ich möchte auch meine eigenen Erfahrungen machen.

Ich möchte meinem Kind all das beibringen, was ich weiß und was ich kann, wenn es das denn möchte. Ich möchte gemeinsam mit meinem Kind lernen. Wenn es Autos schrauben will, schrauben wir Autos. Wenn es kochen will, kochen wir. Wenn es im Garten Schätze suchen will, machen wir dem Rasen gemeinsam den Garaus. Wenn es Klamotten entwerfen will, darf es an mir probieren, wie der Entwurf aussieht. Wenn es mit drei Jahren beim Malern helfen möchte, dann darf es das tun.

Es darf jede Frage stellen, die es mag, und ich will geduldig alles beantworten. Auch dann, wenn ich die Antwort noch nicht kenne. Ich will trösten und anspornen, da sein und Freiraum lassen. Ich will mein Wertegefüge vermitteln und akzeptieren, wenn mein Kind das anders sehen sollte. Ich will mit meinem Kind streiten und habe nicht vor, immer zu gewinnen. Ich will es beschützen, es aber seine „Kämpfe“ auch allein austragen lassen, wenn es das möchte. Und ich will da sein, wenn es verlieren sollte.

Ich will meinem Kind diese Welt zeigen, aber zuhause vorm Gartenzaun anfangen. Ich möchte ganz genau hinschauen, wenn es notwendig ist, und wegkucken, wenn es geht.

Wenn mein Kind Fehler macht oder Mist baut, dann darf es das tun und mir sagen, ohne Angst vor unangemessenen oder unangebrachten Konsequenzen haben zu müssen (hierzu muss ich es allerdings in die Lage versetzen, beides abschätzen zu können). Es soll aber auch lernen, dass alles, was es tut, Konsequenzen hat.

Ich will loben und stolz sein und dies auch zeigen können. Die zehnte Eins in Mathematik? „Großartig, *Fistbomb*, zeig mal her, die Arbeit, worum gings denn?“ anstatt „ich habe nichts anderes erwartet!“.

Mein Kind soll gesund leben, aber Dreck fressen, sich die Knie aufschlagen.

Ich will nicht aufgeben, meine Rolle, meine Funktion und meine Aufgabe als Vater ständig zu hinterfragen und den Gegebenheiten anzupassen. Wieso? Weil ich das auch als Ehemann, Kollege und Freund so handhabe und weil ich glaube, dass unser Leben und unsere Gesellschaft viel zu komplex und wandelbar ist, als dass es dauerhaft gut sein kann, sich nicht zu verändern. Trotzdem will ich verlässlich und einschätzbar bleiben.

Will das nicht Jeder? Bestimmt. Wirds klappen? Was weiß ich denn. Klingt, wie das unrealistische, halbgare Geschwätz eines Kinderlosen? Vielleicht.

 

Is das alles?

Leider nein: ich möchte natürlich auch gern ein Vater sein, der ein individuelles Leben führt und sein individuelles Glück sucht. Jemand, der seine individuellen Ziele verfolgt. Ich will nicht nur Vater sein.

Ich bin ja jetzt schon Ehemann, Freund, Kollege. Und habe jetzt schon gefühlt zu wenig Zeit, meiner Frau, meinen Freunden und denen, die mir wichtig sind, die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die sie verdient haben. Wie wird das dann, wenn ich zusätzlich Vater bin? Wo mache ich Abstriche. Geht das überhaupt? Kann ich das? Hierzu habe ich noch keine befriedigende Antwort finden können. Lasst es mich wissen, wenn ihr was habt.

Leider ist dieser letzte Aspekt nicht ganz unbedeutend bei der aktiven Entscheidung hin zu einem Kind (das teile ich übrigens mit Josi): wenn wir uns für ein Kind entscheiden, wissen wir relativ genau, was wir aufgeben. Aber wir wissen nicht, was wir dafür bekommen. Dies ist eine furchtbar rationale Aussage, die auch nicht jedem gefällt. Aber ich habe alles Recht der Welt, es so zu sehen.

Ab und an kam es schon vor, dass ich das Gefühl hatte, mich meiner Kinderlosigkeit wegen rechtfertigen zu müssen. Ja, meine Frau und ich führen ein Leben, in das ein Kind perfekt reinpassen würde. Es ist aber eben auch ein Leben, das sich auch ohne Kind ganz prima leben lässt… Das wird manchmal verkannt.

 

tbc. irgendwann… 😉

6 Gedanken zu „Was für ein Vater ich sein will

  1. Großartig. …und Danke dafür, die Sicht aus „unser“ Perspektive zu betrachten. Ich bin glücklich im Moment auch ohne 1,4 Kinder und ein Ausreißer dazu.

  2. Ich bin mit 29 Vater geworden – ohne mir vorher besonders viele Gedanken darum gemacht zu haben. Ich habe Fehler gemacht als Vater, aber wohl auch eine Menge richtig, wenn ich mir die beiden Großen jetzt so ansehe. Kinder geben Euch so viel, aber ihr wisst erst was es ist, wenn sie da sind.

  3. Das hast du wirklich sehr schön geschrieben Steven! Ich kann dich / euch in vielen Dingen verstehen und manchmal denke ich auch ach wie schön es damals auch mal ohne Kind war, aber ich kann zu hunderttausend Prozent sagen, so ein Kind ist ein Wunder und bereichert dein Leben auf eine ganz andere Art und Weise, wie du es noch nie erlebt / gefühlt hast / habt. Manchmal muss man sich auch einfach etwas trauen, ohne viel darüber nachzudenken 🙂 liebste grüße und küsse

  4. Deine Vorstellung „Du als Papa“ klingt ganz wunderbar. Da wäre ich auch gern deine Tochter. Grins. Aber spätestens nach den ersten Monaten, in denen du schlaftrunken durch dein Haus wanderst, egal ob draußen die Sonne oder der Mond scheinbar tückisch grinsend durch dein Fenster lugt, läuft alles anders. Aber das spielt keine Rolle. Lieben wird dich dein bezauberndes, nervendes Kind bedingungslos und ehrlich und das ganz sicher auch zurecht.

  5. Es wäre schade, wenn deine zum Schluss dargestellten Gedanken „gewinnen“ würden. Denn die von dir implizierte Konsequenz, dass du Idividualität (individuelle Freiheiten?) aufgeben müsstest, ist nicht immanent. Es liegt an dir und deiner Familie, wie das individuelle Glück/Freiheit des Einzelnen in der Familie aussieht. Nur weil du Vater bist gibst du dein Leben nicht auf, du setzt nur andere Prioritäten. Du übernimmst Veranwortung und entwickelst dich weiter. Aber das ist dann Bestandteil deines Lebens und keine Bürde.

    Nur Mut: Ihr würdet gute Eltern sein.

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