Dosenbier und Dachterrasse

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Die meisten Menschen – und ich nehme mich da gar nicht aus – schenken negativen Umständen in ihrem Leben (oder in Teilen davon) größere Aufmerksamkeit als den schönen Dingen desselben Lebens.

Dies zieht sich durch sämtliche Aspekte, die ein Leben so ausmachen: den Beruf, das Privatleben, Gesundheit, Sport, Reisen, Fitness.

Ganz offensichtlich haben die meisten Leute in meinem Umfeld (und ich würde mich gegen die Behauptung wehren, es liegt an meinem Umfeld) einen Hang dazu. Wir jammern auf ganz hohem Niveau. Und wie gesagt, ich jammere mit:

Ich habe ein schönes, großes Einzelbüro mit eigener Nasszelle (ich liebe diesen Begriff), Blick auf die Reichstagskuppel, Abendsonne, einem großen Schreibtisch, einem schnellen PC. Alles da, um jeden Tag froh und glücklich ins Büro zu gehen (was ich im Normalfall auch tue). Grund zum Jammern: der Kühlschrank ist zu klein. Ich lasse mir das jetzt in Ruhe auf der Zunge zergehen und danach verpasse ich mir selbst eine Kopfnuss.

Oder: während ich diesen Post verfasse, sitze ich auf der Terrasse einer alten Finca auf Mallorca, das Wetter ist hervorragend, das Grundstück ein Traum. Steinmauern sind gesäumt von Olivenbäumen und Palmen, entlang der Wege wachsen Pflaumenbäume, Oleander blüht. Der Pool plätschert paradiesisch vor sich hin, der Geschirrspüler gluckst gemütlich, die Waschmaschine wobbelt wonnevoll. Die Kühlschränke sind gefüllt, das Bier ist kalt. Es gibt nichts auszusetzen an den herrschenden Bedingungen. Überhaupt nichts.

Doch. Die Messer sind allesamt unscharf und der Wasserdruck schwankt. Der Hammer, oder? Man möchte sofort abreisen. Oder zumindest dem Vermieter die Meinung geigen. Natürlich spielt in diesem speziellen Fall die Frage „Was bekomme ich für mein Geld“ hinein. Aber ein bisschen mehr Entspannung und ein bisschen mehr Fokussiertheit auf die positiven Aspekte täte mir an dieser Stelle ja auch ganz gut. Und den meisten Leuten, die ich kenne. In diese Falle tappen wir nämlich alle ganz gern…

Wir überbewerten Negatives und vernachlässigen die schönen Dinge. Diejenigen Dinge, die das Gesamtpaket eigentlich abrunden und wenigstens aushaltbar, meistens sogar genießbar und bezaubernd machen.

Was hat das ganze jetzt mit Dosenbier und Dachterrasse zu tun? Mal überlegen… Zum einen fand ich die Wortkombination großartig 🙂 Zum anderen trieben mich diese beiden Dinge zu den oben stehenden Überlegungen. Wieso?

Eine Dachterrasse steht – zumindest nach meinem Dafürhalten – für ein Stück Luxus, für etwas Erstrebenswertes, für Bewundernswertes, für Beneidenswertes. Aber letzten Endes auch für etwas Unnötiges, für Teures, für Übertriebenes, für Scheinheiliges. Für etwas, das blendet. (Was jetzt nicht bedeuten soll, dass Jeder, der eine Dachterrasse hat, ein Blender ist…)

Nicht umsonst sind Wohnungen ganz oben mit Dachterrasse am teuersten. Es scheint also Konsens zu sein, dass man Geld haben muss, um ganz oben zu wohnen. „Hast du eine Wohnung mit Dachterrasse, hast du es geschafft.“ – die vorhandene Dachterrasse als Sinnbild für Geld und Erfolg. Die Abwesenheit derselben als negativer Aspekt. Vernachlässigbar.

Ganz anders das Dosenbier: für mich steht ein Dosenbier für eine preiswerte und irgendwie freiheitsstiftende Variante, ein Bier zu trinken. Billig fast. Die untere Stufe der Arten und Weisen, ein Bier zu genießen. Jeder mag das Geräusch einer Bierdose, die eben geöffnet wird. Zisch. Bestimmt denken die meisten der Leser gerade eben an dieses Geräusch und freuen sich. Es ist irgendwie „quick and dirty“, ein bisschen gefährlich, scharfe Kanten, Keime am Dosenrand, so gar nicht Luxus. So gar nicht blendend. Ehrlich.

Die Kombination aus Beidem, Dosenbier und Dachterrasse, so widersprüchlich sie auch ist, steht derzeit für mich vollkommen abseits von beiden, oben beschriebenen Bewertungen. Urlaub in Spanien steht für Dosenbier, das Haus hier hat zufällig eine Dachterrasse. Beides gemeinsam genieße ich, würde eines von beidem fehlen, wäre das jedoch kein Beinbruch. Dosenbier und Dachterrasse ist jetzt keine Revolution, sondern einfach nur schön. Ein weiterer positiverer Aspekt dieser Zeit hier, der vielleicht – nein, wahrscheinlich, ganz bestimmt – über die durchgelegenen Matratzen hinweg hilft.

Gern möchte ich in Zukunft vermehrt den Fokus auf die positiven Umstände meines Lebens legen. Was nicht bedeutet, Negatives auszublenden, sondern nur die Gewichtung zu verändern. Hoffentlich funktionierts.

Der erste Schritt: ich rege mich nicht darüber auf, dass ich jetzt nicht mehr so ganz den Bogen geschlagen bekommen habe von der Überschrift zum Text. Egal, wer die Zeilen bis hierher gelesen hat, hat offensichtlich darüber hinweg gesehen. Das ist doch schön 🙂

Ich wasche mir jetzt die Hände unter dem Wasserhahn bei schwankendem Wassdruck, danach mache ich mir ein Dosenbier auf und ziehe mich zum Lesen auf die Dachterrasse zurück. Prost zusammen!

2 Gedanken zu „Dosenbier und Dachterrasse

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