Die Wahrheit über die Uhr

Ich war letztens auf einer schönen Silvesterfeier. Es war bunt, es war laut, es war voll. Nils brachte zwei Mädels aus Bayern mit, arbeiten in München, wohnen in *irgendwas dahergenuschelt*. Ehrlich, ich habs nich verstanden… Ist nich bös gemeint. Vielleicht wussten sie es selbst nich 🙂 Aber das tut eigentlich überhaupt nix zur Sache. In einem der interessanten Gespräche mit den beiden kamen wir darauf zu sprechen, wie man denn eigentlich Uhrzeiten wiedergibt, und darum solls hier gehen…

Ich als geborener und bekennender Ossi gebe die Uhrzeiten ja konsequent als „viertel sieme“, „halb sieme“, „dreiviertel sieme“ und „sieme“ an. Das steht für 6:15, 6:30, 6:45 und 7:00 Uhr.

Ebenso konsequent wird diese Sprechweise in großen Teilen Deutschlands nicht verstanden. Da heisst es dann immer „wadde ma, viertel sieme war jetze 7:15, richtich?“. Und dann er erwartungsvolle Blick dazu, der sagt: „los, lob mich, ich habs verstanden“. Man will nur schreien: „NEEEEE, HASTE NICH!!!!!“. Nur der Berliner an sich (egal, ob Ossi oder Wessi) und – wie ich kürzlich lernen durfte – der Münchner ist mit dieser Sprechweise vertraut. Aber auch nicht so richtig, über eines der beiden Streitobjekte (dreiviertel oder viertel) waren sich die zwei Münchnerinnen nicht so richtig einig. Vielleicht lags aber auch am Proseccöchen…

Die gute alte wikipedia macht es sich da einfacher, sie erfindet eine gedachte Linie von Lübeck nach Saarbrücken und behauptet: rechts davon sacht man „dreiviertel“, links davon heisst es „viertel vor“. Ich hab da ehrlich so meine Zweifel. Meine kleine Schwester wohnt rechts dieser Linie und versteht nur Bahnhof, wenn ich ihr erkläre, wie spät es ist 🙂 Sie muss wohl umziehen…

Deutschlandkarte mit roter Linie

Das Bundesgebiet mit der gedachten Uhrzeit-Sprachbarriere, Grafik von C. Busch, Hamburg, veröffentlicht auf wikipedia, CC BY-SA 3.0

Ganz ehrlich, Leute, was gibts denn an viertel sieben nicht zu verstehen? Oder an dreiviertel sieben? Ich glaube, über halb und um sieben besteht Einigkeit, das versteht jeder.

Fangen wir mit dreiviertel sieben an und gehen dann fließend zu viertel sieben über:

Man stelle sich bitte eine Torte vor, von der der dicke Onkel, der sich immer die größten Stücke auf den Teller packen muss, schonmal ein Viertel verputzt hat. Was steht da jetzt auf dem reichhaltig und kitschig gedeckten Kaffeetisch? Na ganz genau: eine dreiviertel Torte. Niemand käme auf die Idee, dass als „Torte mit einem fehlenden Viertel“ zu bezeichnen. Oder ein Glas Wasser, aus dem man schonmal einen Schluck genommen hat, ist kein Glas, dem ein Viertel bis zur gänzlichen Fülle fehlt, sondern es ist ein „dreiviertel“ Glas Wasser. Was sprachlich nicht ganz präzise ist, aber allgemeinhin so akzeptiert wird.

Butterkuchen

Jaja, diesem Butterkuchen fehlt nicht ganz ein Viertel, aber nachdem ich jetzt so viele Fotos von Kuchen gesehen hab, wollte ich nicht mehr weiter suchen. Foto: Borya auf flickr, CC BY-SA 2.0

Noch deutlicher wird es, wenn man mal Mengenangaben vergleichend hinzu zieht. Es heisst: ein dreiviertel Liter Milch, ein Viertel Pfund Butter, ein dreiviertel Kilo Hacke, eine Viertel Million Euro usw. Da denkt auch niemand – unabhängig von seinem Wohnort im Hinblick auf eine gedachte Linie – drüber nach. Das ist eindeutig. Dreiviertel sieben sind also drei Viertel der siebten Stunde. Also: Nein, es ist noch nicht sieben. Ein dreiviertel Liter Milch ist doch auch weniger als ein ganzer Liter. Und ein viertel Pfund Butter ist – abgesehen von seinem Nährwert – gerade mal ein Viertel des ganzen Pfundes, also ziemlich wenig. Genauso ist es, wenn die Uhr viertel sieben geschlagen hat, es ist erst ziemlich wenig der siebten Stunde vergangen.

 

Sprachliche Konsequenz

Abgesehen von der Logik, sind die Angaben von viertel sieben, halb sieben und dreiviertel sieben sprachlich einfach konsequent. Sie alle beziehen sich auf die siebte Stunde und haben die sechste Stunde vollkommen hinter sich gelassen. Viertel nach sechs bezieht sich auf die sechste Stunde, viertel vor sieben bezieht sich auf die siebte Stunde, beides liegt innerhalb einer Stunde. Das ist zwar sachlich richtig, aber sprachlich inkonsequent.

 

Präzision

Hinsichtlich der Präzision der Angaben finde ich keinen Unterschied. Viertel sieben ist – setzt man sich mit der dahinterstehenden Logik (siehe oben) auseinander – genauso präzise wie viertel nach sechs. Eventuell sind die Angaben viertel nach sechs und viertel vor sieben intuitiver.

 

Sprachökonomie

Achtung, jetzt werden Erbsen gezählt: Vergleicht man die Silbenanzahl, die es braucht, um eine volle Stunde (jeweils in Viertel unterteilt) in beiden Sprechweisen auszusprechen, gelangt man zu folgendem Ergebnis: viertel sieben, halb sieben, dreiviertel sieben, um sieben sind genau 7 Silben, zieht man die Stundenangaben ab. viertel nach, halb, viertel vor, um sind acht Silben. Tada!

Unterstelle ich, dass ich wenigstens viermal am Tag eine Zeitangabe wie diese mache und pro Silbe eine viertel Sekunde brauche, um sie auszusprechen, spare ich eine Sekunde am Tag. Das macht während eines durchschnittlichen, 80 Jahre währenden Lebens, immerhin 8 Stunden aus. Das ist ein ganzer Arbeitstag. Ihr verschwenderischen Links-der-Linie-Bewohner! Unterstellt man, dass etwa jeder zweite Deutsche die un-ökonomische Sprachweise benutzt, kommen wir auf 30 Millionen Erwerbstätige und Freiberufler/Selbstständige, die in ihrem Leben also 240 Millionen Stunden durch die Verwendung der unwirtschaftlichen Uhrzeit-Angabe verballern. Allein mit einem durchschnittlichen Brutto-Stundenlohn von 15 Euro entsteht ein Schaden in Höhe von 3,6 Milliarden Euro. Das sitzt, oder? Was hätten wir in Deutschland für Kindertagesstätten, Pflegepersonal und Flughäfen, wenn wir alle die Uhrzeit ordentlich angeben würden…

Geld-Haufen

Wieviel? Na nen Haufen Geld könnten wir sparen, wenn wir uns alle eine ökonomische Sprechvariante angewöhnten. Foto: Steve Rhodes auf flickr, CC BY-NC-SA 2.0

 

Uhren, die schlagen

Ist euch darüber hinaus eigentlich mal aufgefallen, dass sämtliche Kirchturm-, Rathaus-, Wand-, Stand-, Kuckucks- oder sonstwas für Uhren dieser Welt, die die Viertelstunden kommunizieren, folgende Schlagzahl an den Tag legen:

  • 1 Gong bei Viertel
  • 2 Gongs bei halb
  • 3 Gongs bei dreiviertel/viertel vor
  • 4 Gongs bei „um“?
Uhr am Bamberger Dom

Schlägt definitiv Dreiviertel, nicht viertel vor… Foto: Bacrockschloss auf flickr, CC BY 2.0

Dies belegt doch eindeutig, dass auch das Geläut der oben genannten Uhren auf dem System der konsequenten, fortlaufenden Viertelstunden-Zählweise basieren. Wie würde man wohl „viertel vor“ gongen? Ich bitte um Vorschläge…

7 Gedanken zu „Die Wahrheit über die Uhr

    • Another advantage is no grunting noise, just pure silence of the users of e-bikes, which themselves produce no emissions. That is a look at the rapid growth of e-bikes in China, and studying the larger impacts of this mode of transportation beyond mobility.

  1. Ich bin rechts der Linie aufgewachsen, allerdings scharf an der Grenze. Deshalb kenne ich „dreiviertel sieben“ und „halb sieben“ – aber nicht „viertel sieben“. Die Angabe „viertel sieben“ (das war jetzt 6:15 Uhr, richtig?) heißt bei mir „viertel nach sechs“. (Mein Kommentar soll die ohnehin komplizierte Materie noch etwas komplizierter machen.)

    • genau, 6:15 ist viertel sieben.

      aber das macht es ja nicht wirklich komplizierter, sondern folgt ja einer inneren logik: links der linie sagt man viertel vor und viertel nach, knapp rechts davon sagt man viertel nach und dreiviertel, ganz rechts sagt man viertel und dreiviertel… quasi eine dreiteilung des landes…

  2. Eigentlich ist das doch einfach. Viertel nach X ist die Zeit nach der genannten Stunde X.
    Viertel Y ist die bereits verbrauchte Zeit der aktuellen Stunde Y.
    usw.
    Aber das hat auch ein wenig damit zu tun, dass einige es nicht verstehen wollen, und andere wollen einfach nur Schrippe sagen, und nicht Wecken.
    Und je weiter westlicher man zieht, bzw. die Demarkationslinie überschreitet, desto egaler wird das Ganze. Ich kauf dann halt Berliner, und nicht mehr Pfannkuchen. Pfannkuchen brate ich jetzt, und nicht mehr Eierkuchen.
    usw.

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